Oberstufe


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Abiturrede 2011

- Sporthalle Laufach, 01. Juli 2011 -

Es gilt das gesprochene Wort!

12. März 1930: In der indischen Stadt Ahmedabad macht sich der Freiheitskämpfer Mohandas Karamchand Gandhi – bei uns besser unter dem Namen Mahatma Gandhi bekannt  – auf den Weg an das arabische Meer, um dort symbolisch Salz zu gewinnen und mit dieser Aktion gewaltlos gegen die Unterdrückung durch die britische Kolonial­macht zu demonstrieren.
 

Zeitsprung – 15. September 2009: Im unterfränkischen Aschaffenburg macht sich der Oberstufenkoordinator Christoph Gnandt – auch unter dem Synonym Mahatma Gnandthi bekannt – auf den Weg, um den hier versammelten Ober­stufenjahrgang auf den Gipfel des Abiturs zu führen und so zu beweisen, dass man dieses Ziel in Bayern in Zukunft auch schon in acht Jahren schaffen kann.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

als ihr euch im Herbst letzten Jahres mit deutlicher Mehrheit dafür entschieden habt, eure Abiturzeitung und den heutigen Abend unter das Thema „Mahatma Gnandthi“ zu stellen, war euch sicher nicht bewusst, dass es durchaus einige Gemeinsamkeiten der beiden soeben geschilderten historischen Ereignisse gibt.

Ihr müsst aber zugeben, die alternativen Vorschläge wie z.B. „Stars gehen früher“ oder „Versuchskaninchen“ hatten es von Beginn an schwer. Ihr seid doch in den ver­gangenen acht Jahren hoffentlich nicht zu Kaninchen erzogen worden, die bei der erstbesten Schwierigkeit einen Haken schlagen und sich in ihrem Bau verkriechen!

Gestattet mir aber eine kritische Vorbemerkung: Gandhi tat sich selbst mit dem Beinamen „Mahatma“, der ihm bereits 1915 nach seiner Rückkehr aus Südafrika verliehen wurde, sehr schwer. Bedeutet „Mahatma Gandhi“ doch übersetzt so viel wie „große Seele Gandhi“. Ich muss sagen, dass ich seine Bedenken teile. Man möge doch bitte einmal kurz über die wörtliche Übersetzung von „Mahatma Gnandthi“ nachdenken!

Man würde mich aber völlig zu Recht der Blasphemie beschuldigen, wenn ich meine eigene Person auch nur im Entferntesten mit der Mahatma Gandhis vergleichen oder mich gar auf die gleiche Stufe stellen würde.
Doch wie bereits erwähnt: Einiges haben wir durchaus gemeinsam! Ich will dies im Folgenden kurz aufzeigen, wobei mir durchaus bewusst ist, dass ich vom geschätzten Auditorium höchste Konzentration fordern muss, sind doch die Unterschiede zwischen „Gandhi“ und „Gnandthi“ nur minimal und erfordern extrem genaues Hinhören. Aber der Abend ist ja noch jung und die Feier hat ja gerade erst begonnen.

Beginnen wir zunächst einmal mit den Unterschieden zwischen Gandhi und Gnandthi: Da wäre erst einmal die Zahl derjenigen zu nennen, die sich zusam­men mit ihrem jeweiligen Anführer auf den Weg gemacht haben. Wurde Gandhi 1930 anfangs von nur 78 Anhänger begleitet, so konnte Gnandthi 79 Jahre später schon mit 107 Schülerinnen und Schülern in die 11. Klasse starten. Bei Gandhi nahm diese Zahl sehr rasch zu, so dass er nach 24 Tagen gemeinsam mit mehreren Tausend Indern an seinem Ziel ankam.

Das war bei uns doch ein klein wenig anders: Wir brauchten über 600 Tage für unseren Weg auf den Abiturgipfel und unsere Zahl nahm dabei leider auch etwas ab. Einige haben es sogar zum Schluss noch einmal so richtig spannend gemacht, ob sie es wirklich ganz nach oben schaffen würden. Eigentlich bin ich sogar richtig froh darüber, nicht einen so starken Zuspruch wie Gandhi gefunden zu haben. Es wäre sonst in der Sporthalle bei den Abitur­prüfungen doch ein wenig eng geworden.
 

Wenn wir uns nun die Ziele ansehen, die Gandhi und Gnandthi verfolgten, so sind wir aber schon fast bei den Gemeinsamkeiten angekommen. 
Gandhi schlug den Weg des gewaltfreien Kampfes ein, um die Unabhängigkeit des ganzen indischen Volkes zu erreichen. Bei Gnandthis Anhängern ging es neben dem Kampf um die Unabhängigkeit von der Schule, also das erfolgreiche Bestehen der Abiturprüfungen, aber vor allem auch um so enorm wichtige Dinge wie den täglichen Kampf um den Sitzplatz in der Mensa oder gar um den Kampf für ein eigenes Kollegstufenzimmer.

Gemeinsam war auch die sogenannte „Kampagne der Nichtkooperation“. Gandhi verstand darunter, dass indische Arbeiter und Angestellte einfach nicht mehr für die britischen Kolonialherrscher tätig wurden. Die Anhänger Gnandthis haben diese Nichtkooperation hin und wieder etwas anders verstanden, wenn ich z.B. an die rechtzeitige Abgabe von Belegungszetteln oder Entschuldigungen denke! So war es leider hin und wieder notwendig, Teile der Anhängerschaft durch gewisse „härtere“ Methoden wieder auf den gemeinsamen Weg einzu­schwören. Kürzlich mussten wir sogar sämtliche Uhren im gesamten Schulhaus anhalten, nur damit zwei Schülerinnen doch noch rechtzeitig ihre Anmeldung für die Abiturprüfung „pünktlich“ abgeben konnten.

Aber es gab auch Ausnahmen! Auf viele von euch konnte man sich immer verlassen. So z.B. die Stufensprecherinnen und -sprecher oder diejenigen, die eifrig Broschüren und Infomaterial bei mir abholten, nur um dieses Material dann in den Klassenzimmern mehr oder weniger elegant auf dem dort schon vorhandenen Stapel zu drapieren.

Eine Person möchte ich hier namentlich erwähnen. Es ist Lena, die auch Schülerin unserer Schule war und fast schon nebenher ihr Abitur gemacht hat. Über Jahre hinweg war sie nicht nur als Klassen- oder Stufen­sprecherin tätig, sondern war auch als Schülersprecherin immer da, gab stets Auskunft und half mit, wenn Not am Mann – oder besser an der Frau – war. Ich denke da an so manche Rundmail von dir, wenn es im letzten Augenblick noch eine Kuchenaktion oder ähnliches zu organisieren galt!
Lena, es ist schon weit mehr als Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet du heute Abend dein Abiturzeugnis noch nicht in Händen halten kannst, weil du krankheits­bedingt noch eine Prüfung nachholen musst. Trotzdem: vielen Dank für alles, was du am Dalberg für die Schul­familie geleistet hast und wir alle wünschen dir noch viel Erfolg bei deiner letzten Prüfung!

Sowohl bei Gandhi als auch bei Gnandthi galt es, unterwegs so manche Hinder­nisse zu überwinden. Mahatma Gandhi musste sich natürlich mit der britischen Polizei und der Verwaltung auseinander setzen.

Gnandthi bekam auch seine Knüppel in den Weg geworfen. Nein, ich spreche jetzt ausdrücklich nicht von diversen Schreiben eines bayerischen Ministeriums, die oft in letzter Minute – manchmal auch noch später – auf meinem Schreib­tisch landeten und irgendwelche Feinjustierungen an den Bestimmungen der Oberstufe zum Inhalt hatten.
 

Nein, ich spreche hier von den Massen an Entschuldigungen, die in den ver­gangenen 654 Tagen im Briefkasten landeten – obwohl die Bürotüre offen stand – und ein sinnvolles Arbeiten oft schier unmöglich machten. Keine Pause, keine Freistunde verging, in der nicht Unterrichts­befreiungen ausgestellt werden mussten, sogar beim Mittagessen in der Mensa! Eigenartigerweise war diese Art der „Freizeit­beschäftigung“ besonders im Anschluss an Schulaufgaben gefragt. „Ich brauche jetzt eine Befreiung“ wurde dann zur üblichen Begrüßungsformel, wenn Schüler das Oberstufenbüro betraten – man hätte es ja auch etwas freundlicher formulieren können.
Manche Gründe für eine Befreiung konnte ich gar nicht so recht nachvollziehen. So wollte doch ein Schüler einmal eine Unterrichtsbefreiung, weil die Firma, in der er nebenher arbeitete, an diesem Tag eine Betriebsfeier hatte. Da fragt man sich als Lehrer schon, ob denn hier die Prioritäten noch richtig gesetzt sind!

Und da waren ja auch noch die vielen kleineren Stolpersteine auf dem Weg zum Abitur, man denke nur an die kaputten Uhren in der Sporthalle beim Deutsch- und Mathematik-Abitur oder an den Feueralarm während der Kolloquiums­prüfungen – es hätte kaum noch schlimmer kommen können.

Zwei Gedanken möchte ich euch zum Schluss noch mitgeben.
Gandhi sagte einmal: „Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.“ Euch wurde in eurer Schulzeit mit dem G8 schon eine solche Geschwindigkeitserhöhung verordnet. Hin und wieder schadet es nicht, einmal ein wenig auf die Bremse zu treten, inne zu halten und das bereits Erreichte zu überblicken, bevor man weiter geht.
Mit dem heutigen Tag habt ihr bewiesen, dass man auch nach acht Jahren schon sein Abitur machen kann. Rückblickend muss ich sagen, dass man es bei manchen Dingen aber schon gemerkt hat, dass ihr im Durchschnitt ein Jahr jünger seid als die bisherigen Abiturienten – und das nicht nur bei der Frage, ob jetzt eure Eltern noch die Entschuldigung unterschreiben müssen oder ob ihr es schon selbst machen dürft.

Und ein Letztes, dann bin ich erst einmal still: Bleibt nicht auf dem Abiturgipfel stehen, sondern geht euren Weg weiter.

Mit dem Salzmarsch Gandhis im Jahr 1930 war noch lange nicht das eigentliche Ziel erreicht. Es bedurfte noch vieler Auseinandersetzungen, Verhaftungen, Gefängnisaufenthalte, Hungerstreiks, bis Indien 17 Jahre später endlich unabhängig wurde.

Nehmt also auch ihr den oder die nächsten Gipfel in Angriff, aber behaltet dabei ein anderes Zitat Gandhis im Kopf, der einmal sagte: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“
Macht euch also auf den Weg, eure Unabhängigkeit, euer Lebensziel zu erreichen und dabei die Veränderungen zu bewirken, die ihr für euch, für euer Leben, für unsere Welt wünscht!

Christoph Gnandt


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© 2018 C. Gnandt, Mainaschaff - letzte Änderung dieser Seite am: 07.06.2018 20:52 - aufgerufen am: 05.08.2020 09:29